Jaro’s Techno Ecke 11 – Angriff auf Amerika Aus aktuellem Anlaß möchte ich einige technische Hintergründe im Zusammenhang mit den „Flugzeugangriffe“ auf die USA beschreiben. Alle diese Informationen sind öffentlicher Natur und können im Prinzip aus der einschlägigen Literatur zusammengesucht werden. Der Rest ist meine private Meinung. In den Medien wurde vielfach die Frage gestellt, warum die entführten Flugzeuge nicht rechtzeitig als solche identifiziert wurden und entsprechende Maßnahmen zur Verhinderung der Terrorakte eingeleitet wurden. Ohne viel Spekulation möchte ich nur betrachten was passiert, wenn die Flugzeuge bereits in der Luft sind. In der kommerziellen Fliegerei wird vor der Durchführung eines Fluges ein Flugplan an die Kontrollstellen aufgegeben, der Flugzeiten und Flugwege (d.h. Richtungen und Höhen) beschreibt. Nach Genehmigung dieses Planes darf der Flug durchgeführt werden. Normalerweise sollte sich ein Pilot bei seinem Flug an diesen Plan halten. Dies ist insbesondere bei Instrumentenflugwetterbedingungen (IMC = Instrument Meteorological Conditions) einsichtig. Im echten Leben werden die Flugwege während des Fluges oft auf Anweisung der Luftaufsicht (Kontroller) geändert, um z.B. auf Staus oder schlechtes Wetter zu reagieren. Noch flexibler wird es bei Sichtflugwetterbedingungen (VMC = Visual Meteorological Conditions). Hier kann der Pilot, mit entsprechendem Flugplan und damit in Abstimmung mit der Luftaufsicht, nach Aus-dem-Fenster-Gucken fliegen. Dies ermöglicht eine wesentlich höhere Flexibilität des Piloten. Daneben soll es sogar Piloten geben, die Fehler machen und schon mal vom Kurs abweichen. Dies wird zwar vom Kontroller mit strenger Stimme geahndet, erregt aber erstmal kein allzu großes Aufsehen. Es gibt also einige plausible Gründe, warum sich ein Flugzeug nicht unbedingt auf dem zugewiesenen Flugpfad befindet. Vermutungen besagen, daß der Terrorangriff am Dienstag statt fand, da an diesem Morgen stabile Wetterbedingungen ohne Nebel/Dunst (Nebel = Sicht unter 1 KM, Dunst = Sicht unter 8 KM) herrschten und die Piloten nach Sicht fliegen konnten. Wie sieht der Kontroller ein Flugzeug? Im ganzen Land verteilt stehen Radare herum, die Flugzeuge anhand ihrer Radarechos „sehen“ und das entstehende Luftlagebild (über ein paar clevere Computerprogramme hinweg) an den Bildschirm des Kontrollers weitergeben. Es gibt zwei Arten von Radarechos: Beim Primärradar trifft der Radarstrahl auf ein Flugzeug und wird von der Masse (zumeist Metall) reflektiert. Aus dem reflektierten Signal (Plot) kann Richtung vom Radar, Entfernung und Höhe, also die Position im Raum (sowie nach einigen Plots auch die Flugrichtung und Geschwindigkeit), errechnet werden. Eine Identifizierung ist damit erstmal nicht möglich. Sekundärradar wird nicht am Flugzeug reflektiert, sondern aktiviert ein Gerät im Flugzeug, den Transponder, der daraufhin ein kurzes Signal (ungerichtet) zurückstrahlt. Dieses Signal besteht im zivilen Bereich aus einem vierstelligen Zahlencode (0000- 7777, oktal!) und der Flughöhe. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, hat jedes Flugzeug das unter Luftverkehrskontrolle fliegt einen eigenen, eindeutigen Code anhand dessen es zweifelsfrei identifiziert werden kann. Diesen Code gibt der Pilot nach Aufforderung in den Transponder ein; d.h. er kann ihn jederzeit ändern und auch Fehleingaben machen. Per internationaler Konvention gibt es einige spezielle Codes, von denen die bekanntesten 7700 (allgemeine Notlage), 7600 (Funkausfall) und 7500 (Entführung!) sind. Warum haben dann die entführten Maschinen nicht 7500 gesetzt? Weil auch der dümmste Entführer heutzutage weiß, daß es diese Codes gibt und deshalb dem Piloten nicht direkt gestatten wird sie zu verwenden. Solange ein Flugzeug auf seinem Kurs bleibt und sich nicht auffällig benimmt (Transponder, Hilferufe, Notsignale), gibt es für einen Kontroller keine Möglichkeit zu erkennen, daß das Flugzeug entführt wurde. Wenn es vom Kurs abweicht kann das, speziell in VMC, erstmal ein Fehler des Piloten sein. Dieser wird zwar irgendwann angemahnt, aber Anlaß zu sofortiger Panik ist das auch nicht. Besorgt wird man erst, wenn der Pilot nicht auf Kontrollanweisungen reagiert und langfristig von seinem geplanten Pfad abweicht. Wie z.B. auch im Falle des Profigolfers Payne Stewart geschehen, der vermutlich zusammen mit den Piloten in seinem Jet ohnmächtig wurde und geradeaus flog bis ihm der Sprit ausging. Neben den zivilen Kontrollstellen gibt es natürlich militärische Stellen, die sich mit der Luftverteidigung, also der Sicherstellung der Lufthoheit (Air Policing) über ihrem Territorium abmühen. Diese haben im Prinzip die selben Daten wie die Zivilen zur Verfügung, haben aber einen etwas anderen Blickwinkel: Erstens wird vor allem auf Eindringlinge von außen, d.h. unauthorisierten Grenzüberflug geachtet. Zweitens sieht man eher nach militärischen Jets, als nach Zivilflugzeugen, die sich wie jeden Tag auf ihrem normalen Flugpfad befinden. D.h. die Entdeckung eines entführten Flugzeuges durch das Militär istgenauso problematisch wie bei den Zivilen Kontrollstellen. Während der zivile Kontroller, vom Heben der Stimme abgesehen, keine Handlungsmöglichkeiten hat, kann das Militär im Falle einer erwarteten Bedrohung reagieren: Zuerst wird natürlich versucht das Flugzeug zu identifizieren und herauszufinden warum es so fliegt. Im Normalfall werden Abfangjäger gestartet, die an das Objekt heranfliegen müssen und Quellenforschung betreiben. Wird das Objekt als Feind erkannt, gibt es immer noch drei Alternativen: Erstens, soweit keine akute Bedrohung existiert, nichts tun, und warten bis das Flugzeug von selber runterkommt. Zweitens, mit den Abfangjägern das Flugzeug abdrängen (gewagt und schwierig) oder abschießen. Drittens, das Flugzeug mit Boden-Luft Raketen abschießen. In einem realistischen Szenario: Die zivile Kontrolle stellt fest, daß ein Flugzeug vom geplanten Flugweg abweicht und nicht auf Anweisungen reagiert. Der zivile Kontroller benachrichtigt die militärische Kontrolle. Die Militärs schicken einen Abfangjäger um nachzusehen und stellen dabei fest (wie denn?), daß im Flugzeug ein Böser sitzt. Und nun? Abschießen ist eine Option, die technisch gesehen recht zügig durchführbar ist, allerdings politisch, ethisch und moralisch mächtige Probleme aufwirft. Selbst wenn jemand, nach hoffentlich intensivem Überlegen, den extrem tapferen Befehl zum Abschießen gibt, muß man dabei ausgehen, daß die Trümmer (Debris) auf bewohntes Territorium fallen und am Boden zusätzliche Katastrophen anrichten. Wenn man die Zeit für das obige Szenario betrachtet, sieht man schnell das selbst bis zu einer extrem unbefriedigenden „Lösung“ etliche Minuten vergehen. Die Entfernung zwischen dem Flugplatz Dulles-International (Washington) und dem Pentagon ist 35 KM. D.h. selbst im günstigsten Fall bleiben nach dem Start nur ca. 5 Minuten für die gesamte Entscheidungskette um eine Abwehr des Terrorflugzeuges herbeizuführen - und das über dicht besiedeltem Gebiet. Ähnliche Szenarien ergeben sich übrigens auch in Europa: Das NATO Hauptquartier liegt ca. 5 KM vom Brüsseler Flughafen genau in der Ausflugschneise, die Deutsche Regierung ca. 5 KM vom Flughafen Tempelhof entfernt. Die Terroristen haben die Probleme der Kontroller anscheinend bewußt ausgenutzt. Das erste Flugzeug (AA11, Boston-LA) zum WTC, hat seinen Flugweg erst nach einer langen Strecke heftig geändert und ist dann irregulär nach NewYork geflogen. Das hat die Kontroller sicherlich aufgeschreckt, aber sie konnten erstmal nicht das Terrorszenario vermuten. Das zweite Flugzeug (UA175, Boston-LA) hingegen flog halbwegs normal eine Route an New York vorbei und war deshalb, auch nach dem ersten Crash, ziemlich unauffällig. Das dritte Flugzeug (AA77), das in das Pentagon gestürzt ist, war zu kurz unterwegs um gestoppt zu werden. Und erst beim vierten Flugzeug (UA93) hatten die Verteidiger eine Chance etwas zu unternehmen. Was hier geschehen ist, ist zur Zeit unklar. Ergo: Sobald ein Flugzeug in der Luft ist, sind Terrorakte dieser Art mit den herkömmlichen Kontroll- und Verteidigungssystemen leider praktisch nicht abwendbar. Noch ein Gedanke am Rande: In den Medien wurde spekuliert, daß die AirForce One (d.h. die Maschine des US Präsidenten) Ziel der bei Pittsburgh abgestürzten entführten Maschine war. Das ist völlig absurd. Ich erachte es als völlig unmöglich, daß ein angelernter Terroristenpilot in einer schweren Boing, eine andere Boing, die von den besten Piloten der AirForce, unter ständiger Kontrolle und mit Abfangjägerschutz geflogen wird, in der Luft treffen kann. Davon abgesehen, daß er nicht wissen kann wo sie ist, solange er sie nicht direkt vor der Nase hat. Wie schwer das Treffen ist, hat man auf den Videos zum Crash in den zweiten Turm des WTC gesehen. Der Pilot hätte den riesigen Turm, trotz der „idealen“ Sichtflugbedingungen, beinahe verfehlt und hat nur durch massives Kurven jenseits der normalen Manöver gerade noch ins Ziel getroffen. Und das WTC bewegt sich nicht. Tief bewegt, Euer Jaro (mail@jaroblaha.com)